Umkreisungen des Nondualen

Als ich kürzlich hier ankündigte, es würde dann noch einen eigenen Eintrag zu meiner fertiggestellten Doktorarbeit geben, war das so in etwa drei Tage vor der Verteidigung. Trotzdem ich da eigentlich schon wusste, dass alles außerordentlich gut geklappt hat, stand ich immer noch in gewisser Weise unter Hochspannung. Ich weiß nicht, was ich in der mündlichen Prüfung hätte anstellen müssen oder können, um mir die Note wieder zu versauen und doch noch durchzufallen, gerade bei einem solchen Thema wie dem meinen ist das wohl echt schwer. Selbst im Falle des totalen Blackouts hätte ich noch sagen können, dass wir jetzt eben 90 Minuten Exerzitien am lebenden Objekt betreiben, Vorführung des Themas mal ganz praktisch sozusagen, und einfach: schweigen. 

Aber darauf wollte ich es dann doch nicht ankommen lassen, und so bereitete ich einen Vortrag vor, der wohl der Schwerste meines Lebens war: fünf Jahre Arbeit und 360 Seiten auf zwanzig Minuten zusammengekürzt. Was man da alles weglassen muss! 

Und was man da alles wiederentdeckt, wovon man Stein und Bein geschworen hätte, dass man DAS ganz bestimmt NIE geschrieben hat, obwohl man es doch vor nicht allzu langer Zeit noch mindestens zehnmal Korrektur gelesen hat! 

 

Glücklicherweise stand ich ziemlich unter Zeitdruck, als ich diesen Vortrag schrieb, denn wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wären mir wohl auch die ganzen Qualen, die Folter der Zeiten, in denen es nicht weiterging, und all das eben, was die Herausforderung so einer Doktorarbeit hauptsächlich ausmacht - die Zeiten nämlich, in denen man sie NICHT schreibt - also all das wäre mir dann wohl auch noch eingefallen, und wenn die Masse der Löcher, die ich im Laufe der Zeit in die Luft, an Wände, durch Fenster, auf Seen, Meere oder schlicht auf Bildschirme gestarrt habe, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie es weitergehen könnte und wie ich das jemals schaffen soll, also wenn man diese Masse irgendwie in Volumen messen könnte, dann hätte man das Universum dreimal locker umfasst.

 

Aber für all das war ja keine Zeit, und der Vortrag war relativ schnell geschrieben. Ich bin immer noch jedes Mal überrascht, wenn ich lese, was ich da geschrieben habe, und gar wenn ich es zusammenfasse, was es nochmal greifbarer macht, so wie "die Essenz der Dinge hat gar eine Essenz, die ich jetzt auch noch auf den Punkt bringen kann" - und die ich demnächst, wenn ich mit der Danksagung fertig bin, dann sogar auf noch mehr Essenz verdichten kann, für den Klappentext. Das sind dann nicht mehr elf groß gedruckte Seiten mit markierten Pausenstrichen, sondern nur noch eine halbe, kleingedruckte. Ich bin wirklich gespannt, was dort dann steht. 

 

Jetzt aber, wo ich plötzlich Zeit habe, ohne wirklich Zeit zu haben, aber jedenfalls nichts mehr passieren kann, was mir den Doktortitel noch streitig machen könnte, da fällt mir das alles wieder ein, und es möchte wohl nochmal nachvollzogen und gewürdigt werden, bevor ich das Buch dann tatsächlich aus der Hand geben kann und seine Entstehungsgeschichte nichts mehr zur Sache tun sollte. 

 

Wie ich 2007 im Sommer, am Abend nach der letzten Magisterprüfung, noch im Fieberrausch der letzten Wochen und durchwachten Nächte der Prüfungsvorbereitungen nach Hause ging, und anstatt zu feiern, den ersten Plan für meine Dissertation entwarf. Keine Ahnung, was ich da schrieb, der Rechner war wohl Nr. fünf oder sechs vor diesem hier, auf dem ich jetzt schreibe. Ich glaube, das waren damals noch so fünf oder sechs Zentimeter dicke graue Dinger, die man über Modem mit dem Internet verbinden musste. 

Jedenfalls wusste ich aber schon, dass ich über Nabokov schreiben will, und so ganz grob wusste ich auch schon, über was, auch wenn ich das damals noch in keiner Weise benennen konnte. 

Ein paar Wochen oder Monate später, wir hatten eine längere Reise durchs Baltikum nach Finnland gemacht, ging ich mit meinem Freund durch einen Blaubeerwald, und wir unterhielten uns über - meine Doktorarbeit. Wie man das wohl ausdrücken könnte, worüber ich schreiben wollte, und was es eigentlich genau war? 

 

"Erwartung und Warten" war eine der ersten Hypothesen, aber ich weiß noch, dass wir sie verworfen hatten, noch bevor wir an den Steg kamen, von dem man, wenn man gute Nerven hatte, ins Meer springen konnte (es war, trotz August, etwas kalt). 

Erwartung und Warten - eben das war es gerade nicht. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, wäre es einfacher gewesen, aber das sagt man hinterher ja immer. 

 

Etwas später, vielleicht schon zurück auf der Terrasse des Häuschens, in dem wir damals wohnten, in diesem Sommer in Finnland, war es klar: Ich wollte über das Glück schreiben, das Glück bei Nabokov.

 

"Das Glück schreiben" war der erste Arbeitstitel, der zu Papier kam, und damit arbeitete ich eine Zeitlang, fand es aber schwierig, einen Ansatz zu finden, geschweige denn einen Anfang, eine Gliederung, einen Text.

Glück, das ist etwas so weites, undefinierbares, und jeder redete damals über Glück, mein Freund nahm mir stundenlange Nachtgespräche im Fernsehen auf Videokassetten (!) auf, in denen irgendwelche Leute in mitternächtlichen Talkrunden über Glück redeten, aber im Talkrunden anschauen war ich schon immer ziemlich schlecht, und ich habe nie eine davon ganz gesehen. 

Nach einiger Zeit ergab es sich, dass eine Stelle in einem DFG-Forschungsprojekt frei wurde, "Anfänge in der Moderne" hieß das Forschungsprojekt, und was lag näher, als meine Arbeit endlich in die richtige Richtung - und einen Rahmen - zu bringen. "'but shimmering bliss' - Poetik des Paradieses im Prosawerk von Vladimir Nabokov" war der nächste Arbeitstitel, mit dem ich die Stelle in dem Forschungsprojekt dann auch bekam. 

Damit war die grobe Richtung vorgegeben, und im Grunde arbeitete ich ziemlich lange unter diesem Titel, der in der Essenz immer noch oder schon dasselbe besagte wie alle anderen aufgeschriebenen oder nur erfühlten Titel davor und danach.

Da ist eben irgendetwas in Nabokovs Texten, das mit "but shimmering bliss" noch am Besten zu bezeichnen ist, aber mit der Zeit blieb ich auch mit diesem Titel hängen, denn da ist noch etwas anderes. Das Paradies ist nicht flach und einseitig, und bliss hat auch sein krasses Gegenteil - etwas, was das Leben mich erst lehren musste, bevor ich es dann auch für die Arbeit umsetzen konnte. 

 

Was auf der einen Seite bliss ist, ist auf der anderen Seite der blanke Terror, jener unglaubliche Horror, der sich neben all dem Funkelnden, Leichten und Strahlenden genauso in Nabokovs Texten abzeichnet, denen ich mit dieser einseitigen Definition einfach zur Hälfte Unrecht tat. Ganz zu schweigen davon, dass es eigentlich weder um das eine noch das andere geht, sondern um die "Essenz" eben, um das, in dem das alles erscheint. 

 

Das klingt jetzt im Nachhinein so einfach und logisch zu erkennen, das war es aber nicht. Das ist eine faszinierende Angelegenheit, wie so eine Arbeit entsteht, und wie sie sich aus sich selbst heraus gebiert, korrigiert, abwägt, Hörner ausbildet und sie sich wieder abschlägt, auf unabschätzbaren Umfang auswuchert und eine Sekunde später auf fast Nichts zusammenschrumpft, und ihren Verfasser darüber mehrfach in den Wahnsinn treibt, aber aus kann er nicht.

Noch nie hat mich etwas so fest im Griff gehabt wie diese Arbeit, von der man wohl guten Gewissens sagen kann, dass sie in mindestens gleichem Maße mich geschrieben hat, wie ich sie. 

Meine Romane, das war auch viel und stellenweise knochenharte Arbeit und alles, aber das ging vergleichsweise so leicht und freudvoll und unbeschwert und vor allem: schnell, dass es auf keinen Fall zu vergleichen ist. 

 

Ich erinnere mich, wie ich im Sommer 2010 - das muss wohl ganz knapp vor der Einführung des ebook-Readers gewesen sein - extra die Tortur einer gefühlt 56 Stunden langen (in echt waren es vielleicht 49) Busreise nach Odessa auf mich nahm, mit einem ganzen Koffer voller Bücher, und dem festen Vorsatz, nicht wieder zurückzukommen, bevor die Arbeit nicht fertig wäre, was sie unmöglich werden konnte, aber ich wollte halt ein Wunder - jedenfalls, irgendwann musste ich doch wieder zurück, und im Sommer darauf gab es dann glücklicherweise schon einen ebook-Reader, und ich konnte wieder fliegen, dorthin, wo ich sie diesmal fertig schreiben wollte, woran ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Möglicherweise war es auch einfach eine dieser Kabinen in der Bayerischen Staatsbibliothek, da lässt sich ziemlich gut arbeiten, und man kann alle seine Sachen über Nacht dort lassen und ganz sicher sein, dass über Nacht niemand etwas durcheinander bringt.

Solche Dinge werden wichtig, wenn man so eine Arbeit schreibt. 

 

Schließlich, die Stelle in dem Forschungsprojekt hatte ich mittlerweile wieder aufgegeben, weil ich eine Assistentenstelle bekommen hatte, was natürlich einerseits gut war, andererseits machte, dass ich viel weniger Zeit hatte als vorher, jedenfalls schließlich, und das ist noch gar nicht so lange her, fand ich den Begriff, den ich brauchte.

"'essence has been revealed to me.' Umkreisungen des Nondualen im Prosawerk von Vladimir Nabokov" war der nächste Titel, der jetzt auch geblieben ist, und nach einem panischen, flirrenden staubigen sonnigen Samstagnachmittag in der Bibliothek unseres Institutes im Sommer 2012, an dem ich dachte, dass ich das nicht nehmen kann, weil russisch sut' (die Essenz) irgendwie zu sehr vorbelastet ist und ich dann weitere fünf Jahre damit verbringen müsste, das einzuarbeiten, beschloss ich dann doch, dass es auch so geht, weil dieser Titel (ein Zitat aus "Ultima Thule") es wirklich gut trifft und die Möglichkeit gibt, alles zu sagen, was ich sagen wollte.

Und mir gleichzeitig noch die Möglichkeit gab, all die perspektivischen Wunderwerke hervorzuheben, die mich an Nabokovs Texten schon immer hypnotisiert haben. 

Letztlich war das auch der Sommer, der mir den nötigen Mut einspielte, den Begriff des Nondualen zu verwenden, was eigentlich von dem Sanskritwort "Advaita" kommt und somit eine fernöstliche Weisheitsle(h)(e)re und kein cooles semiotisches Konzept ist, was ja eigentlich mal gar nicht geht. Da das aber genau der Begriff ist, den ich brauchte, führte kein Weg daran vorbei, den Mut aufzubringen und dann eben auch dafür einzustehen. 

 

Jedenfalls ist sie jetzt fertig, die Arbeit, ohne natürlich je wirklich fertig zu sein - so viel könnte man noch schreiben - doch das, was ich ausdrücken wollte, habe ich "eingefangen", ganz so wie die von Nabokov so geliebte "shoeshaped outline", die er von seinen Texten hatte, bevor er sie einfing und zu Papier brachte, mal dieses, mal jenes Puzzlestück, nie chronologisch, aber nahezu immer genial. 

 

Ich muss noch so ein paar Kleinigkeiten machen, die Danksagung zum Beispiel, die natürlich keine Kleinigkeit ist, aber mir wohl verhältnismäßig leicht fallen wird, denn wem ich dafür alles zu danken habe, sind neben meinem Doktorvater wohl hauptsächlich all die Menschen, die mich währenddessen ertragen haben und immer noch mit mir reden, und umgekehrt (die Anzahl hält sich im halbwegs überschaubaren Rahmen, und das ist nur ein halber Scherz).

Dann geht es auch schon an den Verlag, und sobald es dann ein Cover und ein fertiges Buch und einen link gibt, gibt es hier natürlich eine Ankündigung dazu. 

 

Vorher gibt es aber noch ein Lied, das scheinbar so gar nichts damit zu tun hat, aber da in schamanischen und sonstigen Kulturen, die möglicherweise etwas näher an der Essenz der Dinge sind, häufig von Initiationsreisen und Einweihungsriten die Rede ist: diese Doktorarbeit war die größte Initiation, die mir bisher begegnet ist (und das will was heißen). Sie hat mich an all meine Grenzen und weit darüber hinaus gebracht, und sie hat mich gelehrt, was es heißt, etwas zu Ende zu bringen, koste es was es wolle, und dafür - möchte ich ihr danken. 

 

Dabei fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, was Nabokov eigentlich für Musik mochte, ich glaube gar keine, aber da muss er jetzt durch.